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DER PHARAO

Der Pharao Toman war von schlanker Gestalt, wenn man den Bildnissen von ihm Glauben schenken wollte – diese waren allerdings oftmals geschönt, aber eine gewisse Ähnlichkeit musste dessenungeachtet erkennbar sein. Er hatte – im Gegensatz zu seinen Vorgängern – nichts am Hut mit Eroberungen jeglicher Art. Die Antezessoren hatten ihre Lust mit Feldzügen weit nach Libyen und in‘s Kanaanitische hinein – mit wechselnden Erfolg. Sie hatten sich oft genug eine blutige Nase geholt – bei all den Durchbrüchen, die sich zweifellos ergeben hatten.

Mit den Aggressionen war jetzt endgültig Schluss – der Pharao kümmerte sich eher um seinen kleinen Harem, was unter seinen Untertanen insofern Begeisterung auslöste, als die Gefolgsleute nicht in fremder Erde ihre Existenzen ließen, sondern daheim ihren Geschäften nachgehen konnten. Der Pyramidenbau wurde dementsprechend zu Hause streng untersagt, und als nutzlos gebrandmarkt – sinnlos im Sinne der merkantilischen Ausrichtung der Volkswirtschaft. Leben und leben lassen – das war die Devise des neuen Herrschers.

Sein kleiner Harem – das war es, was Toman wirklich interessierte: seine Frau und Schwester (bei den Pharaonen war es so üblich, dass die Geschwister heirateten und Kinder zeugten) und eine Nebenfrau, die ebenfalls für Nachwuchs sorgte. Die Anzahl der Konkubinen war nicht genau festgelegt – so viele der jeweilige Pharao verkraften konnte. Manche Herrscher hatten bis zu zehn Nebenfrauen.

Toman kannte seine Hauptfrau (und Schwester wohlgemerkt, sie war drei Jahre jünger als er) von Kindesbeinen an – es gab zwischen ihnen kein Geheimnis und keine Heimlichtuerei mehr. Sie machten ihr Ding, er befruchtete Nitiqrit dreimal mit Mädchen und das war‘s dann – er hielt auch fürderhin als seine Königin in Ehren, rührte sie aber nicht mehr an. Ganz anders waren die Umstände mit Arsinoe – er hatte sie sich selbst ausgesucht, als er erwachsen war. Sie war nach wie vor ein Mysterium für ihn – aber äußerlich konnte es im heißen Klima Ägyptens keim Rätsel mehr geben.

Während die Fellachenfrauen zum Schutz gegen diese Hitze durchaus einfache Kleider hatten, trugen die adeligen Damen sämtliche Stadien der Nacktheit vor sich her – auch oben ohne wurde vielerorts gesehen. Die innere Schönheit war es, was zählte. Arsinoe hatte auf diesen Gebiet offensichtlich einiges zu bieten. Sie gebar Antef, der in Ermanglung eines direkten Herrschers in der Hauptlinie der Dynastie zum Nachfolger bestimmt war.

An einen besonders heißen Tag, als Arsinoe in aller Öffentlichkeit barbusig und nur mit einem kurzen Rock bekleidet, der notdürftig durch eine Agraffe zusammengehalten war, spazieren ging, wurde sie entführt. Sie war wie vom Erdboden verschluckt.

Erst nach Tagen meldete sie sich per Papyrus zurück, den ein Unbekannter unter einem Stein versteckt hatte. Die Soldaten des Pharao, die die ganze Zeit die Gegend abgesucht hatten, fanden das Versteck schließlich. Die Botschaft darauf lautete: „Wenn Du Deine Frau wiedersehen willst, komm‘ bei Nacht allein in‘s Gebirge! Dort folgen weitere Anweisungen!“

Toman begab sich, entgegen dem Rat seiner Mentoren, in‘s Etbai-Gebirge zwischen Niltal und Rotem Meer – allein!

Dort wurde er schon erwartet – von einer Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien. Der Pharao vermutete, dass es sich dabei um das Organ einer Frau handelte – ganz sicher war er sich nicht. Es stellte sich heraus, dass die Stimme einer der Fellachenfrauen zuzuordnen war. Diese setzte alles auf eine Karte, damit Emanzipation Platz griff. Toman, der seine Lieblingsgespielin über Gebühr anbetete, war mit allem einverstanden.

Dann kam zu einer großen Enttäuschung des Pharaos – er konnte seine Frau nicht gleich mitnehmen. Erst wenn alle Bedingungen nach Strich und Faden erfüllt waren, konnte sie freigegeben werden. Und das nahm seine Zeit in Anspruch – dazu mussten die behördlichen Schritte unternommen werden. Es ging um nicht mehr, als Jahrhunderte zurückzugehen, in eine Zeit des Matriarchats. Eine Rückkehr auf diesen Zustand löste bei den „Herren der Schöpfung“ Widerstände aus – und wenn man überdies die Bürokratie berücksichtigte, die an sich jeder Veränderung abhold war, konnte man sich ungefähr vorstellen, wie lange das dauern würde.

Toman dachte bei sich: Wenn Du einen kleinen Finger gewährst, wollen sie gleich die ganze Hand! Er haute auf den Tisch, aber das brachte ihm seine Frau nicht wieder. Er war besorgt, was sie ihrer Verfassung der relativen Nacktheit wohl anstellen mochte.

Dabei hatten ihr die Fellachenfrauen längst warme Kleidung gegeben, schon auf Grund der eher rauen Temperaturen im Etbai-Gebirge, einer wichtigen Basis der kleinen Gruppe. Was hatten die Angehörigen dieser Clique allemal davon, wenn ihre Geisel erfror. In diesem Fall traf sie der Zorn des Pharaos.

Arsinoe richtete sich selbstständig auf einen längeren Aufenthalt ein. Sie begann außerdem, sich für die Anliegen dieser Schar zu interessieren, die ihr zunehmend als gerechtfertigt erschienen. Jetzt war der springende Punkt erreicht, an dem sie sich entscheiden musste, ob sie als Gegenpharaonin gegen den derzeitigen Pharao Toman antreten sollte.

Der Beschluss war längst gefallen – sie musste es tun. Dabei wurde die Veränderung auch merklich sichtbar: Vom verwöhnten Luxusgeschöpf, das sie früher war (sie hatte nur ihre Pflege im Sinn, damit sie Toman auch richtig gefiele und er sie besteigen konnte), zur ernsthaften Konkurrenzfigur, die züchtig bekleidet war – da hatte es sich mit der Sexynes aufgehört. Der Pharao kannte sie nicht wieder, als die Beiden an einen neutralen Ort in Nubien zusammentrafen – beide von begrenzten Delegationen begleitet.

Die Abordnungen hatten nur ein Ziel, die wesentlichen Eckpfeiler der zukünftigen Staatsverfassung festzulegen. Dabei stellte sich heraus, dass die Bevölkerung aus einer Überzahl von Frauen bestand, die allesamt (bis auf das erkleckliche Quantum von Damen des Adels) für die neue Bewegung stimmen würden. Toman war‘s mittlerweile gleichgültig – er hatte Arsinoe, seine Zweitfrau, schon längst abgeschrieben.

Anders seine Zweitfrau – sie liebte ihn nach wie vor trotz des aktuellen Wettstreits. Das war ihre absolute Privatangelegenheit, die niemand etwas anging. Anders seine Zweitfrau – sie liebte ihn nach wie vor trotz des aktuellen Wettstreits. Das war ihre absolute Privatangelegenheit, die niemand etwas anging – so dachte sie, etwas naiv, so als ob das „Berufliche“ von persönlichen Dingen strikt zu trennen wäre.

(under construction)