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ILEANA FARIA DUARTE

Das was Ileana Faria Duarte von ihrem Vater geerbt hatte, war ihr portugiesischer Name – danach war er auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für ihre weitere Karriere – beginnend mit dem Waisenhaus in Wien. Die Schulbildung verlief unerfreulich – sie blieb insgesamt zweimal sitzen.

So existierte für sie letztendlich nur der Abstieg in‘s „Milieu“ – und hier wieder in‘s unterste Fach, wenn sie einen Gulden verdienen und nicht ihr Leben in absoluter Armut verbringen wollte. Das Zauberwort war eine Performance unter freiem Himmel, im Winter auch in geschlossenen Räumen – splitterfasernackt und ohne sich zu genieren. Das Publikum war handverlesen – schließlich waren auch Kinder im allgemeinen Teil des Volksfest oder einer sonstigen Veranstaltung anwesend. Für sie war dieser Auftritt nicht bestimmt – außerdem musste dort empfindliches Entree, von dem Ileana die Hälfte abbekam, bezahlt werden.

Sie schämte sich anfangs ungeheuerlich – sie schloss die Augen, was aber auch nicht von Erfolg gekrönt war, denn sie musste ja performen. Und der schrecklichen Tatsache direkt in‘s Angesicht zu sehen. Einzig die überschaubare Lösung gab ihr Mut in dem Sinne, dass es einmal ein Ende des Grauens bedeutete, das Ganze durchzustehen. Hier täuschte sie sich allerdings fundamental, denn die im Hintergrund tätigen Eventkoordinatoren hatten nicht die Absicht, sie von Haken zu lassen, jedenfalls so lange die physischen Gegebenheiten passten.

Mit der Zeit begann sie allerdings umzudenken. Warum sollte sie herumeiern? Das war ihr mittlerweile völlig gleichgültig – die Umstehenden waren bloße Masken, die vorbeizogen. Lediglich wenn eine Bekannte oder ein Bekannter in der Zuseherschaft auftauchte (was überdies äußerst selten vorkam) ging sie darüber hinweg, so als ob sie nichts bemerkt hätte, egal ob sie die Zuseherin oder der Zuseher aus dem Waisenhaus geläufig war oder aus der Schule.

Je weiter sich die Show räumlich von der Heimat entfernte (sie zogen durch Italien, Frankreich, Großbritannien), desto unwahrscheinlicher war es, eine Bekannte oder einen Bekannten zu treffen – schon gar, als die Aktivitäten wegen der durchschlagenden Anerkennung in‘s Ausland verlagert wurden. Da war Ileana immer mutiger geworden – sie war völlig entspannt, machte sich keine Sorgen, sie ignorierte komplett ihre Lage.

Und ihre Lage war durchaus prekär – in ihren circa halbstündigen Auftritt ging es auf‘s Ganze. Nicht so wie in einer „normalen“ Striptease-Nummer (das gab es auch bei diesem Termin) wurden keine halben Sachen gemacht – Clear-cut!

Siebeneinhalb Minuten streckte Ileana ihr Hinterteil nach oben, vollständig unbewegt, damit man alles genau sehen konnte. Danach ging es in die linke Seitenlage, weitere siebeneinhalb Minuten unbewegt, das rechte Bein angewinkelt. Danach dasselbe rechts, wieder siebeneinhalb Minuten unbewegt, das linke Bein angewinkelt. Der Clue kam zum Schluss – in Rückenlage, die Beine weit auseinandergestreckt, wieder siebeneinhalb Minuten unbewegt (die ihr, nebenbei gesagt, wie die Ewigkeit vorkamen). Da war ihre Vulva exakt und voller Pracht zu sehen.

Genauso, wie sie gekommen war, verschwand sie wieder – hüllenlos. Sie dachte schon gar nicht mehr daran. Sie zog in einer stillen Ecke an und suchte ihr Hotel auf. Sie hatte es sich angewöhnt, auch zu Hause möglichst nackt herumzulaufen, damit sie in Übung blieb. Sie orderte einen Hamburger in ihr Zimmer und empfing den Fahrradkurier „barfuß bis auf den Hals“. Der Bote wusste nicht, wohin er schauen sollte – er verabschiedete sich überstürzt. Ileana blickte ihm amüsiert nach.

Dann hatte sie plötzlich Lust auszugehen – sie kleidete sich in ihr dünnstes Fähnchen, großzügig ausgeschnitten und so kurz als möglich. Die Show zufällig in New Orleans, dort sprach in einem Szenelokal ein relativ soignierter Herr an: „Mein Name ist Alain de Thibodeaux. Ich habe Ihren Auftritt gesehen, der mich sehr beeindruckt hat!“

Das konnte man so verstehen oder anders, dachte bei sich. „Danke für das Kompliment – das war eindeutig!“

„Ich wollte Ihnen keinesfalls nahetreten! Mich interessiert nur brennend Ihre Lebensgeschichte – erzählen Sie sie mir?“ – „Was geht Sie meine Lebensgeschichte an? Soweit sind wir noch lange nicht! Ich frag‘ Sie auch nicht gleich nach Ihrer Biografie!“ – „Damit kann ich aufwarten: Ich bin Privatier, entsetzlich reich – und ich kann Ihnen helfen, aus der Misere, in der Sie offensichtlich befinden, herauszukommen!“

Da brachen für Ileana die Dämme – sie warf sich Alain an den Hals und weinte bitterlich. Er beruhigte sie mit besänftigenden Worten, die nichts aussagten. Dabei hatte de Thibodeaux durchaus eigene Pläne mit ihr, aber das hatte Zeit – da hatte er es nicht eilig. Für‘s erste lud er sie (um nicht mehr Aufsehen zu erregen) in seine protzige Villa ein. Er hatte seine Haushälterin telefonisch verständigt, damit die Gute ein köstliches Mahl bereitete und dafür sorgte, dass sein Schützling wieder die gewünschte Form annahm.

Beim Essen fragte Alain rundheraus, was es kosten würde, sie von ihren Eventkoordinatoren freizukaufen. Sie hatte sich das schon auch gefragt – mindestens 100.000 Dollar, schätzte Ileana. Ein ungeheurer Wert, den sie auf keinen Fall selbst aufbringen konnte und den auch nicht jemand Anderer für sie aufbringen würde.

„Und wenn ich Ihnen diese Summe zur Verfügung stellen würde?“ – „Dann wäre ich Ihnen mit Haut und Haar ausgeliefert – dann würden nur meine Besitzer wechseln und Sie könnten alles mit mir machen!“ – „Ja, wenn daran keine weiteren Bedingungen geknüpft wären und Du -“ (er changierte plötzlich zum „Du“) „- als mein persönlicher Lehrling Deine Ausbildung, die mir mangelhaft erscheint, fortsetzen und vollenden würde?“

„Und was müsste ich noch für Sie -“ (sie blieb förmlich) „- tun?“ – „Schlankweg nichts!“

Die Lüge kam leicht über Alain de Thibodeaux‘ Lippen. Er hatte im Gegenteil dazu noch Einiges mit der Duarte vor – aber davon später.

Er zahlte die 100.000 Dollar, die die Arrangeure von ihm verlangten – Ileana hatte sich nicht verschätzt, und zwar auf den Punkt genau. Er verbot ihr postwendend, die Villa zu verlassen. Er überantwortete sie der Haushälterin, die sich als strenge Lehrmeisterin aller Fächer entpuppte – von der Schule für gutes Benehmen angefangen bis zu den wichtigsten Sprachen, dazu noch Mathematik und alles, was sonst noch anstand. Wenn die „Donja“ gar nicht mehr weiterwusste, griff sie auf externes Personal, ausschließlich Damen, zu.

Von Alain war eine ganze Weile nichts zu sehen – er zog sich in seine Privatgemächer zurück. Auch die Mahlzeiten nahm er dort ein. War er gar nicht an ihr leibhaftig interessiert. Bei ihrer früheren Tätigkeit hatte sie erfolgreich den persönlichen Kontakt vermieden – der Rest war schlimm genug: dieses ständige Angestarrtwerden in ihrem intimsten Bereich. Umso mehr erstaunte sie das momentane Verhalten von de Thibodeaux – in diesem Fall wäre sie einem libidinöseren Auftreten nicht abgeneigt gewesen. Aber da war nichts – nicht das Geringste.

Nach langem Zögern drang sie in den Rückzugsort, in das Allerheiligste von Alain ein.

„Da bist Du ja endlich! Ich habe auf Dich gewartet, bis Du wirklich bereit warst. Jetzt können wir miteinander schlafen!“

Dabei zeigte sich der nicht unbeträchtliche Altersunterschied zwischen den Beiden – Alain war in seinen Fünfzigern, während Ileana noch Anfang Zwanzig war (obwohl sie schon Einiges erlebt hatte), ein doch sehr einschneidender Unterschied und deswegen ging er es nennenswert ruhig an, was in dieser Situation auch ihre Intention war. Dann aber ritt sie der Teufel und sie startete „All-in“, indem sie einen wüsten Parcours vorlegte, dass de Thibodeaux Hören und Sehen verging.

Da heiratete Alain flugs Ileana, nur um sie dann seinen besten Freunden, Beau James und Jeremiah Wyatt, zur gemeinschaftlichen Benutzung zur Verfügung zu stellen. Die junge Frau war entsetzt. Der ständigen peinlichen Untersuchung vor Publikum gerade entronnen und in einer halbwegs geordneten Beziehung gelandet – und nun das! Sie kam sich erneut so benützt vor und unter ihrem Wert geschlagen.

Aber was half‘s – de Thibodeaux hatte sie in der Hand (Stichwort: 100.000 Dollar), und er zögerte nicht, die Schuld bedingungslos einzufordern. Sie gab w.o.! Sie würde nie eine „normale“ Verbindung eingehen können – das war ihr offensichtlich nicht beschieden.

Noch dazu, wo Alain von ihr verlangte, dass sie seinen Kumpels die „Aufmerksamkeit“ zuteil werden ließ wie ihm. Während sie ihm vertraute oder sogar ihn auf die eine oder andere Weise liebte, traf das auf Beau oder Jeremiah in keinster Hinsicht zu – James war ihr von Grund widerlich und Wyatt war äußerst brutal, obwohl er ihr auf den ersten Blick nicht unsympathisch erschien. Das kümmerte de Thibodeaux nicht, zumindest nicht sehr. Hauptsache, es verteilte sich auf ihn und seine beiden Buddys.

Als Ileana sich an die Haushälterin wandte, erlitt sie eine Abfuhr. – „Was bilden Sie eigentlich ein?“ – Die Wirtschafterin war ganz auf Alains Seite – sie tat ein Übriges, um (unter Hinweis auf die obligatorischen 100.000 Dollar) ihrerseits auf die genaue Einhaltung der eingegangenen Verpflichtungen zu drängen, und sie war dabei wesentlich strikter als ihr Dienstherr.

Insbesondere verlangte sie eine gewisse vorauseilende Freudigkeit auch mit widerlichen beziehungsweise brutalen Typen. Da kam Ileana ihre unerfreuliche Vergangenheit zugute – nur dass es hier noch gnadenloser zuging. Selbst wenn Alain dran war, machte es ihr längst keinen Spaß mehr. Sie spulte nur lustlos ihr Programm ab – sogar die aufgesetzte Ausgelassenheit war bloße Fassade.

Und dann ging alles ganz rasch: Alain de Thibodeaux war plötzlich verstorben!

In Ermangelung eines Testaments war Ileana Faria Duarte die Alleinerbin. Das Erste war, was sie machte, bestand in einem Kuriosum – sie warf Beau James und Jeremiah Wyatt hochkant hinaus. Sollten sie bei irgendwelchen Huren, für sie die allerdings zahlen mussten, ihre Gelüste befriedigen. Die Beiden war sie auf geübte Art los.

Schwieriger erwies die Sache mit der Haushälterin (die zugleich Mentorin war) – sie wollte die geänderten Umstände nicht akzeptieren. Sie versuchte es zunächst mit Schmeicheleien: „Schau, was haben wir gemeinsam geschafft!“

Und, als das nicht verfing, bedrohte sie Ileana massiv, indem sie ihre Vergangenheit preisgab. Nun, darüber war sie erst recht erhaben – sie hatte nichts mehr zu verbergen. Die Haushälterin (sei aber endgültig ihr Name verraten – sie hieß Scarlett Sawyer), Scarlett also fügte langsam in ihre neue Rolle, zumal sie feststellen konnte, was für eine angenehme Chefin die Duarte war. Sie hatten in kürzester Zeit arrangiert – bis auf einem Punkt.

Scarlett Sawyer musste in ihren Sechzigern, nachdem sie jahrelang nicht bestiegen worden war, Sex mit einem beliebigen, auf der Straße dahergelaufenen Kerl, den ihr Ileana aussuchte – aus Rache für Beau James und Jeremiah Wyatt. Die Duarte feuerte das Subjekt geradezu an, mit ihr alles anzustellen, was es nur wollte – und sie dachte dabei an ihr eigenes Schicksal. Das blieb aber nur bei diesem einzigen Mal.

Sie waren quasi quitt…