DAS HÜNDCHEN
Yukiko Sameshima war vor geraumer Zeit von Tokio nach Wien gekommen, da sie sich – als Exotin, die sie hierzulande gelten musste, anders als in ihrem Heimatland, wo das japanische Aussehen ganz normal war und keinerlei Aufsehen erregte – in einem speziellen exotischen Metier produzierte. Sie war in kürzester Frist der Star der einschlägigen Szene, nämlich indem sie in diversen Verkleidungen auftrat. Dabei empfand sie überhaupt keine Scham mehr, seit langen nicht. Wenn nur die Kohle stimmte…
Am liebsten war ihr, wenn sie – in äußerster Selbstentäußerung – gar nicht als Mensch zu sehen war. Sie hatte mit den verschiedensten Tierformaten experimentiert (darunter eine Eselsmaske und eine Schlange, die sich um den Leib Jemandes wand). Letztlich war aber das Hündchen der Hit, mit dem sie das meiste Geld verdiente – warum auch immer. Vielleicht war es die Zurückstellung der eigenen Wünsche oder Bedürfnisse Yukikos, die auf die Spitze getrieben schien.
Sie musste auf allen Vieren durch die Gegend laufen, ausgestattet mit einer Hundeschnauze und spitzen Ohren – an einer langen Leine, die sie mit ihrem jeweiligen Besitzer verband. Man konnte es als totale Entwürdigung bezeichnen, zumal sie in der Regel spärlich bekleidet war – wenn sie nur nicht eine Menge Zaster damit gemacht hätte. Das wog so manche Unzukömmlichkeit (nennen wir es einmal so) auf.
Besonders entwürdigend – aus der Sicht eines unbeteiligten Beobachters – war die Tatsache, dass Yukiko mit dem Mund die Schuhe ihres momentanen Herrchens zu tragen hatte, was ihre Bewegungsfreiheit zusätzlich einschränkte und weiters den Geruch, den die Treter fallweise entfalteten und der schwer erträglich war (wieder von der Sehweise eines Unbeteiligten). Sie persönlich fand aber nichts dabei – dachte allenfalls an die vielen Moneten, die sie auf diese Weise machte.
Da fiel es ihr leicht, umgekehrt auch die Anderen als pure Staffage zu betrachten. Allein, es gab einen wesentlichen äußerlichen Unterschied – sie hatte nichts an, während ihre Kunden Straßenkleidung trugen. Und einen wesentlichen inneren Unterschied gab es noch – während die Klienten durchaus individuelle Züge aufwiesen, war die Sameshima in ihren Augen nichts als ein anonymes Tier, für das sie ihren Obolus bezahlten und das war es dann.
Yukiko war mit einem Mal unzufrieden mit ihrem Schicksal. Urplötzlich war ihr bewusst, dass sie sich zum Narren machte. Bedeutete dies, dass sie einen vollständigen Paradigmenwechsel vornehmen musste? Unausweichlich!
Vorbei die ewig sprudelnde Geldquelle, vorbei der Luxus, den sie locker leisten konnte. Sie musste sich einen anderen „Dukatenesel“ suchen, der ähnlich lukrativ war. Und gab es nicht viele Möglichkeiten, wenn sie nicht ganz in‘s kriminelle Milieu abtauchen wollte.
(under construction)