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FKK

Sie froren schon ein wenig, als sie im Oktober aus dem Wasser der Alten Donau herauskamen. Kein Wunder, denn sie waren splitterfasernackt. Lina und Leo Kaiser waren als Anhänger der Freikörperkultur geradezu prädestiniert für ein bißchen Abgehärtetsein. Nur extreme Temperaturen konnten sie davon abhalten – da verkrochen sie sich, wenn auch hüllenlos, in ihr Haus in Floridsdorf. Sie hatten regelmäßig Sex miteinander, in den unterschiedlichsten Positionen, aber nie überzogen.

Wenn sie ihre Bleibe verließen und auf die Straße taten, verstand sich ohnehin von selbst, dass sie etwas anhatten – sie wollten ja kein Aufsehen erregen. Obwohl – manchmal hatten sie schon das Gefühl, dass ein Ausflug in den Gassen von Wien reizvoll sein könnte. Aber sie verwarfen diesen Gedanken gleich wieder. Und das aus guten Grund. Leo Kaiser arbeitete nämlich als einfacher Buchhalter in einem Gebäude Am Spitz, Lina Kaiser als simple Kassierin in einem Geschäft in der Donaufelder Straße.

Mit ihrem an sich freudlosen Dasein bot sich die Komponente „FKK“ als interessante Abwechslung an. Da hatten sie auf dem Gänsehäufel einen Ort gefunden, wo sie ihrer Leidenschaft nachgehen konnten. Sie tauchten gerne und, obwohl das Wasser nicht tief war, hatten doch ihren Spaß – sie dachten auch stets daran, unter der Oberfläche Geschlechtsverkehr zu haben. Und die Atemluft reichte allemal dazu aus – sie hatten ein intensives Trockentraining hinter sich.

So wurde es Lina und Leo nicht langweilig, selbst wenn es an ihren Körpern prinzipiell nichts mehr zu entdecken gab. Aber sie kundschaften ständig neue Ausprägungen aus, wobei ihnen speziell die Unterwasserschulung zugute kam. Atemanhalten mit den zugehörigen Appeal, der es ihnen erlaubte, die Luft über das legitime Ausmaß hinaus zu verlängern – sie nahmen einfach nicht zur Kenntnis, dass ihnen die Puste ausging.

Schon wollte es mit ihnen zu Ende gehen, da schafften es Lina und Leo in letzter Sekunde, das Steuer herumzureißen und sich nach oben zu arbeiten. Sie entschwebten quasi aufwärts und japsten nach Luft. Sie waren momentan völlig erschöpft, was aber ihrem Glück keinen Abbruch tat.

Sie streckten sich hin, total geschafft – die Spuren dessen, was in der Zwischenzeit geschehen war, waren noch deutlich zu sehen. Die anderen FKK-Gäste, obwohl selber nackt, blickten pikiert auf die Beiden – die sonstigen Besucher hatten ein harmloses Badevergnügen im Sinn, aber nicht derartige Exzesse. Lina und Leo Kaiser wurden des Platzes verwiesen, und zwar endgültig – sie zogen wie begossene Pudel ab.

Und nicht nur das – die Buschtrommeln sorgten dafür, dass ihnen der Einlass in sämtliche einschlägigen Orte in ganz Österreich verwehrt wurde. Jetzt war guter Rat teuer. Sie wollten nur ihren Teil vom Kuchen abbekommen, hatten vielleicht etwas überzogen, aber war das gleich ein Grund für die harsche Reaktion der Zuschauerinnen und Zuschauer, für diese offensichtlichen Feindseligkeit.

Da ergab zufällig eine Möglichkeit, wenigstens einmal im Jahr, in ihrem gemeinsamen Urlaub, ihrer Passion nachzugehen, nämlich an die Anthony-Quinn-Bucht angrenzenden Strand von Mandomato auf Rhodos. Ein Paradies für FKK-Freaks – da konnten sie machen, was immer sie wollten, inklusive der ganz verrückten Sachen. Anders als bei den relativ konservativ eingestellten Freikörperkultur-Anhängern daheim herrschte hier ein buntes Treiben. Hier kannte man keine Tabus!

War es die südliche Sonne, die die Gemüter aufheizte – insbesondere mit Sexualität ging man hier ganz unverkrampft um. Da störten auch die bisweilen auftretenden Männer nicht wirklich, die mit eindeutig voyeuristischen Absichten die Szene beobachten – möchten sie auch ihren Spaß haben. Lina und Leo bedauerten sie eher – und wenn es denn den Kaisers genug war, dann tauchten ab und hatten ihr eigenes Vergnügen. Sie blieben so lange unter Wasser, bis die Kerle ihr Verlangen verloren. Notfalls holten sie an einer uneinsichtigen Stelle wieder kurz Luft, um dann erneut in die Tiefe zu sinken.

Prinzipiell aber waren sie mit den Umständen sehr angetan. Endlich hatten sie eine Location gefunden, wo alles zu ihrer vollsten Zufriedenheit war. Das einzige Manko war die weite Anreise und Tatsache, dass sie begrenzt Urlaub hatten. Sie überlegten kurz, ob sie sich dauerhaft in Rhodos niederlassen sollten, verwarfen aber diesen Gedanken als utopisch – was er zweifellos war. Sie hatten ihre Berufe und waren durchwegs glücklich mit ihren jeweiligen Professionen, so wenig spektakulär sie auch immer waren. Aber sie hatten andere Prioritäten…

(under construction)