DIE STREUNERIN
Sie stand an der Autobahn Salzburg – München kurz vor der Grenze. Nackt, starr, mit erhobenen Händen, so als wollte sie einen fiktiven Angreifer sagen „Ich ergebe mich!“
Als ein Autofahrer stehenblieb – unter Lebensgefahr, denn man wusste ja, welche Risiken bei plötzlichen, unvermittelten Anhalten drohten – und sie zum Einsteigen aufforderte, blickte zunächst verständnislos auf ihn. Immerhin hatte sie sich ihm zugewandt und die Arme gesenkt. Als wegen des Verkehrs schon weiterfahren wollte, entschloss sie sich doch, sein Angebot in letzter Sekunde anzunehmen. Der Rückstau reichte mittlerweile schon einen Kilometer zurück, was von den übrigen Lenkerinnen und Lenkern mit einem heftigen Hupkonzert bedacht wurde.
Da er in der Eile nichts Geeignetes fand, um ihre Blöße zu bedeckten, fuhr er auf den nächstgelegenen Parkplatz. Dort öffnete er den Kofferraum und suchte in seinem Gepäck etwas, das passend erschien – mit Slip und BH konnte er allerdings nicht aufwarten. Übrig waren ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose, die sich überdies als zu groß herausstellten.
„Mein Name ist Emil Freiherr von Blanckenstein, ein Adeliger, sagte er stolz. Und wie heißen Sie?“ – Verständnisloses Schweigen war die Antwort. – „Aber Sie müssen doch einen Namen haben!“, sagte er streng, strenger als ursprünglich geplant. – „Aber ich kann mich nicht erinnern!“ Schüchtern kam das.
Was mit ihr anfangen – das war die entscheidende Frage: Ohne Namen keine weiterführenden Informationen. War sie auch Deutsche oder war sie Österreicherin – ihr blondes Haar deutete eher auf ihre nordische Herkunft hin (wenn sie es nicht gefärbt hatte). Er nahm sie mit auf Schloss Marzoll, seiner Heimstätte, gelegen im gleichnamigen Stadtteil in Bad Reichenhall.
Der Freiherr von Blanckenstein ließ ihr durch seinen Diener Sebastian (dem Einzigen, der ihm verblieben war) ausgesuchte Leckereien auftischen – in der Hoffnung, dass sie nicht verputzen möge, denn im Schloss war Schmalhans Küchenmeister. Aber – Noblesse oblige – die Beiden, der Gebieter und sein Lakai, wollten sich keine Blöße geben.
Während der Freiherr seinen „Fund“ insgeheim beobachte, stellte er fest, wie ansehnlich sie war, sah man von ihrem ramponierten momentanen Zustand einmal ab. Er führte sie in‘s Bad, zog sich diskret zurück, nicht ohne die Sachen seiner lange verstorbenen Frau herauszulegen. Er hatte diese in all den Jahren aufbewahrt – wer weiß, wozu sie eines Tages gut waren. Und der Moment war offensichtlich gekommen, wie Emil, pardon der Freiherr, mit sicheren Blick auf die Figur der Unbekannten, die Emma Freifrau von Blanckenstein (+) nicht unähnlich war, feststellte.
Da war zunächst das Blond der Haarfarbe, sie war ebenfalls groß gewachsen, und die Doppelgängerin war gleichfalls schlank. Ein Abbild von früher, als er noch jung gewesen war – mittlerweile er den Zenit des Daseins längst überschritten, aber er fühlte, dass er vielleicht weiterhin etwas ganz Großes auf sexuellen Gebiet (nicht meine Worte, so dachte Emil) vollbringen konnte. Er verliebte sich stante pede in die Fremde. Der Butler war seit geraumer Zeit schlafen gegangen.
Er aber wartete auf sie – sein Ein und Alles inzwischen, obwohl er nach wie vor ihren Namen nicht wusste. Aber war das so wichtig. Namen sind Schall und Rauch, genau genommen. Als sie dann auftauchte, angetan mit den Sachen seiner Frau, da war verblüfft, wie gut sie ihr standen.
„Jetzt reden wir einmal Klartext miteinander!“, sagte Emil grob. „Es kann unmöglich ein Zufall sein, dass ich Sie auf der Autobahn aufgelesen und mit mir in‘s Schloss mitgenommen habe!“
Sie war alarmiert: „Wenn ich mich an gar nichts erinnere!“ – „Dann hat Sie jemand geschickt manipuliert, dass ich glauben sollte, meine Angetraute sei wieder auferstanden, aus welchen Gründen auch immer! Und diese Gründe gilt es, Schritt für Schritt herauszufinden! Ich habe mich in Sie verliebt, obwohl ich genau weiß, dass Sie undenkbar die Verstorbene sein können!“
„Auch bin nicht abgeneigt, mich mit Ihnen einzulassen – allerdings müsste ich Sie genauer kennenlernen. Aber vor allen Dingen würde ich gerne wissen, wo ich herkomme und wie ich in diese mißliche Situation geraten bin.“ – Sie drückte eine Träne herunter – das mochte ernst sein, oder auch nicht. Echtes Weinen sah anders aus, dachte Emil bei sich.
Er fragte sie, wann sie das letzte Mal eine gesicherte Evidenz hatte. Sie sagte: „Das ist schon lange her – vor allem bin mir unsicher, wie ich nackt auf die Überlandstraße gekommen bin. Das macht mir insbesondere zu schaffen! Was hätte da alles passieren können, eine Vergewaltigung war ziemlich wahrscheinlich – so weggetreten wie ich war! Und im Prinzip bin ich es noch, denn ich habe mein Erinnerungsvermögen nach wie vor nicht – ich bin praktisch im Blindflug unterwegs!“
Sie heulte darauf los. Das war jetzt nicht gespielt – seine anfänglichen Bedenken waren damit hinfällig. – „Oder es war Teil des ausgeklügelten Plans – von dem ein Dahergelaufener seine perversen Touren auslebte.“, vermutete Emil. Und er erging sich in ebenso perversen Hirngespinsten –
„Halt! Stopp! Mir ist soeben wieder eingefallen, wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe – ich stamme aus einem alten Adelsgeschlecht. Meine Heimat war die Burg Altenhof in Brandenburg. Meine Eltern, die Grafen Maximilian und Anna Maria Hohlfeld von Adlersburg, sind bei einem Verkehrsunfall beide um‘s Leben gekommen – ich habe unverletzt überlebt, hatte aber eine retrograde Amnesie, die soeben zu Ende ist. Mein Name ist Komtesse Agatha Hohlfeld von Adlersburg. Ich muss mich dringend um den Familienbesitz kümmern. Ich befürchte mittlerweile das Ärgste.“
„Das schaffen wir gemeinsam!“ – Der Freiherr ergriff die Initiative. Ich bringe auch meinen Diener Sebastiann mit – er ist diskret und verschwiegen, egal, was wir dort vorfinden.
Die Drei starteten umgehend. Der Butler steuerte, während es sich Agatha und Emil (sie waren inzwischen zum Gebrauch ihrer Vornamen übergegangen – Stichwort: Noblesse oblige!) im Fonds des Wagens gemütlich machten. Sie hatten ausreichend Vorräte bei sich, um unabhängig zu sein. Dass es dabei um die letzten Reserven handelte, die sie finden konnten, bleibe dahingestellt.
Was sie vorfanden, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. Es hatte sich ein Mob aus ehemaligen Angehörigen des gräflichen Hauspersonals und aus völlig Fremden, die sich hier bereitmachten, gebildet. So schnell, wie sie gar nicht schauen konnten, waren sie der Polizei übergeben worden, die sie wegen böswilliger Sachbeschädigung und wegen Hausfriedensbruch anzeigte.
Was übrig blieb, war das totale Chaos – bis auf innersten Gemächer. Da hatte sich der Pöbel nicht drübergetraut – aus einem geheimnisvollen Mythos, der mit göttlicher Abkunft zu tun hatte. Die wichtigsten Dokumente waren unversehrt erhalten, darunter ein Fonds, den die Komtesse mit Erreichen des fünfundzwanzigsten Geburtstages zugesprochen wurde (also jetzt soeben) – zusammen mit dem ererbten Vermögen eine sagenhafte Summe.
Agatha begab sich, begleitet von Emil, auf die Commerzbank in die örtliche Filiale Altenhof. Dort hatte man vorsorglich die Konten gesperrt – bis zu einer allfälligen Klärung der Verhältnisse. Das war jetzt endgültig – mit zahlreichen bürokratischen Hürden, sie am Ende erfolgreich überwandten – erledigt. Jetzt ging es darum, die Trümmer zu beseitigen, die praktisch überall im Haus und Flur herumlagen (mit Ausnahme der absoluten Privatsphäre).
Überwacht wurde das Ganze durch den treuen Diener Sebastian, der ab sofort als Major Domus der vereinigten Häuser Von Blanckenstein und Hohlfeld von Adlersburg vorstand. Wobei noch nicht einmal gesagt war, das da mehr war, als eine bloß platonische Beziehung zwischen den hochherrschaftlichen Familien – sie hatten sich bis jetzt nicht eindeutig erklärt, weder der Freiherr (dem das als Ersten zugestanden wäre), noch auch der Komtesse (der das Privileg der Ermutigung und Einwilligung zugestanden wäre).
Die Beiden waren kompliziert – das waren sie!
Aber das würde schon noch etwas werden…
Im Laufe der Zeit…