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MEIN PFERDCHEN

Smilla Persson und Thelonious Monk waren tief gesunken, tiefer geht es nicht mehr. Sie stammte ursprünglich aus Schweden und hatte in England ihr Glück versucht – mit zweifelhaftem Erfolg, gerade noch war sie scharf an der Prostitution vorbeigeschrammt. Sie verdiente ihr Brot als Kellnerin in Lokalen der untersten Schublade. Ihr großer Traum war aber, in einem Musical mitzuspielen – womöglich sogar in der Hauptrolle. Daheim in Stockholm hatte sie in der Schule Begeisterungsstürme erlebt als Protagonistin beispielsweise in „Annie Get Your Gun“.

Er war aus Manchester, war aber nach London gegangen in der Hoffnung, dort die besseren Chancen zu finden – jedoch Fehlanzeige. Er tingelte durch die Vorstädte der Metropole, mal als Jongleur, mal als Seiltänzer, mal weissagte er aus den Karten, mal fütterte die Tiere im „Circus Marlborough“. Da die Mieten in London sehr teuer waren, hatte er sich sein Plätzchen (in Wohnwagen 7) gesichert.

Und hier lernte Thelonious Monk auch Smilla Persson, die auf Suche nach einer geeigneten Unterbringungsmöglichkeit bei diesem Circus gelandet war.

„Bei uns ist immer Platz, wenn Du nicht übertriebene Ansprüche stellst und auch sonst Dich als zugänglich erweist!“, sagte Thelonious. – Was sollte das bedeuten: „Zugänglich“ – sie schob ihre Ressentiments zur Seite. Hauptsache, dass sie jetzt einen günstige und auch leistbare Schlafmöglichkeit gefunden hatte.

Smilla kündigte ihren Job als Kellnerin, den sie ohnehin gehasst hatte, wegen der vielen anzüglichen Bemerkungen und auch körperlichen Übergriffen (die, nebenbei gesagt, ihr damaliger Chef stets toleriert hatte), und zog nun mit dem Circus umher. Sie hatte ebenfalls etwas zur Show beizutragen, die Songs „There’s No Business Like Show Business“ und „I’m an Indian Too“, die sich langfristig in ihr Gedächtnis eingeprägt hatten und die eine willkommene Abwechslung im Programm des Spektakels darstellten.

Sie fütterte die Tiere (das machte besonders Spaß), als plötzlich eines Tages Thelonious von hinten an sie herantrat und sie, einfach so, nahm. Als die Beiden fertig waren, sagte Smilla, wie erleichtert: „Das habe ich die ganze Zeit erwartet! Ist meine Schuld Dir gegenüber, die dadurch entstand, dass ich bei Dir wohnen darf, endgültig vom Tisch?“

Sie rollte sich ein, damit er fürderhin an sie nicht ‘ran könnte, ohne rohe Gewalt anzuwenden, was ihm ferne lag. Nachts konnte sie nicht einschlafen. Sie stieß „Theli“, wie sie ihn mittlerweile titulierte, in plötzlicher Angst an. Er erwachte schlaftrunken: „Was ist denn los, Schatz!“

Smilla war entzückt – er hatte sie „Schatz“ genannt, in somnolenter Vorwegnahme eines künftigen Zustandes. – „Du tust mir so gut, Schatz! So unendlich gut!“ – Sie (die er inzwischen kurz „Mil“ nennen durfte) warf sich ihm an den Hals und die Beiden hatten Sex miteinander.

Theli und Mil hatten von da an viele Male Sex miteinander. Sie verstanden sich inzwischen auf sexueller Ebene ausgezeichnet – und war mit der geistigen oder gar esoterischen Ebene? Theli war als Arbeiterkind (Vater Malocher, Mutter im Haushalt tätig) auf die Welt gekommen – da war viel Schulbildung unnötig. Mil im Gegensatz dazu Abitur – aber sie übte die Chancen, die sich ihr boten, nicht aus. Da trafen sie sich wieder in der Ablehnung jeglicher Erziehung. Sie liebten eher das freie Leben beim Circus, da fühlen sie sich wohler als sonstwo.

Da kam plötzlich mit einer Option daher, die das Ausmaß des Tiefsinkens noch maximierte, aber in Form einer Nebenbeschäftigung gutes Geld versprach.

„Ich trau‘ mich gar nicht, es Dir vorzuschlagen – so queer ist dieses Angebot!“ – „Nur heraus damit!“

Theli drückte damit herum. – „Nun sag‘ schon endlich!“, insistierte Mil.

„Der kauzige Lord Richard Turberville, der kürzlich bei unserer Show war, hat uns einen interessanten, aber nicht unproblematischen Vorschlag unterbreitet (wie er sich in geschraubten Redeweise auszudrücken pflegte). Rundheraus gesagt – wir sollen uns total erniedrigen, wir als Pferde, leicht bekleidet, auf allen vier Hufen durch die Güter der Familie, das heißt mitten durch die Landschaft galoppieren. Dazu Pferdeschwanz, Scheuklappen, Zaumzeug und die Trense, das Mundstück aus Metall (sodass es uns unmöglich war zu sprechen), nicht zu vergessen. Was sagst Du dazu?“

Mil war – anders als Theli befürchtet hatte – Feuer und Flamme für diese Idee. Sie war sogar überenthusiasmiert von der Vorstellung: „Mir wird vor allem der Mund wässrig von dem Gedanken des Nicht-sprechen-Könnens – und Du sagst, dass durch die Trense jede menschliche Kommunikation unterbunden wäre?“

„Du wirst erst dadurch zum Tier!“

Die Augen nahmen einen seltsamen Ausdruck an – einen tierischen Ausdruck: Wild, zügellos (was im Rahmen des Themas besondere Relevanz aufwies), wenn man so wollte – sündhaft, mustanghaft.

Lord Richard Turberville empfing uns im kleinen Salon (der größere war wichtiger Gästen, als wir es waren, vorbehalten). Er war zufällig in einer gnädigen Stimmung – was bei ihm die absolute Ausnahme war. Oder vielleicht lag das am Anblick von Smilla Persson, auf deren wohlförmiger Gestalt seine ganze Aufmerksamkeit konzentriert war.

Die Beteiligten waren rasch handelseins. Der Lord verlangte, dass Mil und Theli umgehend einen „Probe-Galopp“ hinlegten. Behufs dessen mussten sie sich nackt ausziehen und dann zunächst die Schwänze anlegen, was bei Lord Richard Grund für Heiterkeit bedeutete (wie er selbst sich auszudrücken beliebte). Es war auch zu komisch – zwei Gestalten auf allen Vieren.

Anschließend musste sie das Körper-Zaumzeug umbinden, das denkbar minimalistisch war und nur das Notwendigste bedeckte. Dafür war das Kopf-Zaumzeug ausladend, mit diversen Teilen, und als Clou die Trense. Und dann galoppierten durch die Gegend, angefeuert vom Lord, der nicht die geringsten Anzeichen von Müdigkeit tolerierte. Und man darf nicht vergessen – angesichts der Trense waren Unmutsäußerungen nur durch ein Schnauben möglich.

Das nützte Lord Richard schamlos aus. Er verlangte mangels menschlicher beziehungsweise menschenähnlicher Äußerungen das Letzte von ihnen, bis sie erschöpft zusammenbrachen – Mil war kurzfristig sogar ohnmächtig geworden. Da sie nicht eigenmächtig entfernen konnten – ein komplizierte Mechanismus erlaubte zwar das Anlegen der Trense, nicht aber das Ablegen. Bedienstete des Lords mussten hier helfend einschreiten.

Der Lord selbst nahm die Angelegenheit lakonisch – er sagte: „Ihr müsst es ja nicht machen – ich kann jederzeit jemanden anderen…“

Mil fiel ihm in‘s Wort: „Das wird nicht nötig sein! Wir machen es, koste es, was es wolle!“

Beim Hinausgehen aus dem Anwesen, das nördlich London lag, bei der Bahnfahrt fragte Theli, einer längeren Pause: „Hast Du nicht vorschnell gehandelt und ohne mich vorher zu kontaktieren!“ – Mil konterte rüde: „Wenn Du passen willst, weil Du die Hosen gestrichen voll hast – ich werde schon allein die Bedürfnisse des Lords, was immer die sein mögen, erfüllen! Außerdem der Lord hat vor allem mich mit den Augen verschlungen! Er steht nicht so sehr auf homoerotische Beziehungen, obwohl Du ein stattliches Exemplar bist!“

Sie gestand Theli, dass während er auf der Toilette war, habe Lord Richard Turberville das Angebot gemacht, in sein Haus einzuziehen und ihrem bisherigen Freund den Laufpass zu geben. Aber wolle sie zu nichts zwingen – sie müsse das mit ihm in Ruhe besprechen.

„Da trennen sich offensichtlich unsere Wege!“, sagte Theli. „Jetzt holst Du zuhause, im Wohnwagen 7, die wenigen Sachen ab, mit denen Du hergekommen bist! – Und ,Goodbye, Angel!‘“ – Er schaute sie für den Rest der Fahrt nicht mehr an.

Smilla versuchte eine Erklärung. Als sie den Mund öffnete

(under construction)